98. Jahrestagung der DOG 2000

R 311

Visuelle Steuerung des Augenwachstums und Risikofaktoren für die Myopie-Entwicklung

F. Schaeffel

Einleitung: Wenn Hühner oder Affen mit Brillen aufgezogen werden, entwickeln sich vorhersagbare Refraktionsfehler. Im Falle von Negativlinsen, die die Ebene der scharfen Abbildung hinter die Netzhaut verlegen, wird das Auge länger und damit kurzsichtig, im Falle von Positivlinsen entsteht dagegen axiale Weitsichtigkeit. Es ergeben sich folgende Fragen: (1) wie erkennt das Auge, wo die Abbildungsebene liegt und wie wird diese Information an die Sklera weitergeleitet? (2) wie könnte man den Wachstumsreiz pharmakologisch unterdrücken? (3) welche Konsequenzen haben die Brillenexperimente für die Entstehung der Myopie beim Menschen und welche tägliche Seherfahrung ist ist besonders kritisch?

Methoden: Durch Linsenhälften, die nur einen Teil des Gesichtsfeldes defokussieren, wurde am Huhn untersucht, ob Refraktionsfehler lokal induziert werden können. Durch Aufzucht mit Linsen unter Zykloplegie und nur einer möglichen Sehentfernung wurde untersucht, ob die Netzhaut das Vorzeichen einer Defokussierung erkennen kann. Durch quantitative Immunhistochemie der Amakrinzellen wurde untersucht, welche Zellen nach welcher Expositionsdauer Information über die Lage der Bildebene haben. Durch automatisierter Infrarot-Photoskiaskopie wurde die Akkommodationsgenauigkeit von Probanden beim Lesen vermessen.

Ergebnisse: (1) Visuelle Wachstumssteuerung ist im Wesentlichen eine Leistung der Netzhaut. Bereits nach 30 Minuten liegt den glukagonergen Amakrinzellen beim Huhn die Information über die mittlere Position der Bildebene vor. (2) Als Kandidaten für die Signalweiterleitung kommen unter anderem Glukagon und Retinsäure in Frage. Glukagon-Antagonisten hemmen Hyperopie, Glukagon selbst Myopie. Retinsäure-Synthesehemmer hemmen Myopie. (3) Da das Augenwachstum beschleunigt wird, wenn die Abbildungsebene hinter der Netzhaut zu liegen kommt, ist es wichtig, diese Situation im Alltag zu vermeiden. Bei Tätigkeiten mit kurzer Sehdistanz, wie Lesen, zeigen Probanden erhebliche Unterakkommodation (bis zu 1 dpt). Daß dies bei längerem Lesen zu einer kritischen Tagesdosis führt, wird durch Tierexperimente nahegelegt.

Diskussion: Neben einer genetischen Prädisposition ist die Seherfahrung ein kritischer Faktor bei der Myopieentstehung. Die Entwickung der Myopie könnte durch pharmakologische Hemmung der visuellen Wachstumregelkreise oder durch Vermeidung der kritischen Seherfahrung gehemmt werden. Untersuchungen an Kindern hierzu laufen gegenwärtig.

Forschungsstelle Universitäts-Augenklinik Tübingen, Abt. II, Calwerstr. 7/1, 72076 Tübingen



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