98. Jahrestagung der DOG 2000

R 304

Amblyopieforschung: Psychophysik, bildgebende Verfahren

R. Sireteanu

Eine früh eintretende, konstante Schielstellung eines Auges kann entweder zu einer permanenten Suppression des Schielauges führen, oder zur alternierenden Benutzung eines Auges zur Fixation, mit gleichzeitiger Suppression des nicht fixierenden Auges. Im ersten Fall ist eine Herabsetzung der Sehfunktion des Schielauges und der Binokularfunktion zu befürchten (Schielamblyopie); im zweiten wird die Sehfunktion beider Augen erhalten, Binokularsehen ist in der Regel herabgesetzt.

Ein supprimiertes Auge wird allerdings nicht vollständig vom Binokularsehen ausgeschlossen: in einigen Fällen werden die Koordinaten des Schielauges im Sinne einer anomalen Korrespondenz verlagert; In anderen Fällen werden die Seheindrücke des peripheren Gesichtsfeldes des supprimierten Auges in einem binokularen Perzept mitverwendet. Sehr häufig treten beide Mechanismen gleichzeitig, beim gleichen Patienten, in unterschiedlichen Teilen des Gesichtsfeldes auf.

Neben der herabgesetzten Sehschärfe treten im amblyopen Auge gestörte örtliche Lokalisation, Trennschwierigkeiten und ein zeitlich unstetes Bild auf. Diese Störungen werden vorwiegend im zentralen Gesichtsfeld festgestellt und könnten als Folge der chronischen Suppression interpretiert werden. Das periphere Gesichtsfeld, in dem vorwiegend anomale Korrespondenz etabliert wird, zeigt häufig weniger deutliche Lokalisationsstörungen.

Tierversuche an Katzen mit einem künstlich induzierten Schielen deuten darauf hin, daß die räumlichen Verzerrungen bei menschlichen Amblyopen auf eine gestörte Synchronisation der Zellantworten in der primären Sehrinde (Brodman's Areal 17) zurückzuführen sind. Folge dieser herabgesetzten Kommunikation zwischen ansonsten gut aktivierten Zellen im Areal 17 ist eine herabgestetzte Aktivität bei Zellen in nachgeschalteten, extrastriären kortikalen Arealen der Sehbahn.

Experimente mit funktionellen Bildgebenden Verfahren bei menschlichen Probanden mit psychophysisch gut dokumentierter Schielamblyopie haben gezeigt, daß das amblyope Defizit in nur eingeschränktem Maße die primäre Sehrinde beeinträchtigt; mit zunehmender hierarchischer Ebene werden die Defizite zunehmend deutlich.

Diese Ergebnisse legen nahe, daß das amblyope Defizit auf einer höheren kortikalen Ebene, als Folge der chronischen Suppression des Schielauges auftritt.

Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main



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